Eine aktuelle Studie aus Österreich zeigt überraschende Ergebnisse: 90 % der befragten Pflegeheime nutzen bereits Videochat-Dienste, um Bewohner:innen und Angehörige zu verbinden. Welche weiteren Chancen bietet also der Einsatz sozialer Software und welche Hürden gibt es?
Was ist Social Software?
Social Software bezeichnet digitale Anwendungen, die soziale Interaktion und Kommunikation ermöglichen. In der Pflege umfasst dies vor allem:
- Videochat-Dienste wie Zoom, Skype oder Microsoft Teams für virtuelle Besuche
- Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Telegram für schnelle Kommunikation
- Soziale Medien wie Facebook oder Instagram zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
- Digitale Plattformen für Gruppenaktivitäten und kognitive Förderung
Diese Technologien eröffnen neue Perspektiven für die Pflege und helfen, den Herausforderungen des demografischen Wandels zu begegnen. Sie ermöglichen effizientere Prozesse, entlasten Fachkräfte und schaffen damit Potenziale für eine Stärkung der zwischenmenschlichen Pflegebeziehungen.
Die Studie: Social Software in österreichischen Pflegeheimen
Vor diesem Hintergrund hat Roland Polacsek-Ernst, der Leiter unseres Studiengangs „Angewandte Therapie- und Pflegewissenschaft“, gemeinsam mit Michael Schellinger eine Studie zum Einsatz von Social Software in 117 österreichischen Senioren- und Pflegeheimen durchgeführt.
Nutzung von Social Software: Die Zahlen im Detail
Die Studie zeigt eine große Bandbreite in der Nutzung von Social Software in Pflegeeinrichtungen:
- 90 % nutzen Videochat-Dienste – die am häufigsten genutzte Anwendung kommt in erster Linie für die Kommunikation zwischen Bewohner:innen und Angehörigen zum Einsatz.
- 79 % setzen Messenger-Dienste ein – der Schwerpunkt liegt auf der schnellen und unkomplizierten internen Kommunikation zwischen den Pflegekräften sowie in geringerem Ausmaß zwischen diesen und den Angehörigen.
- 75 % verwenden soziale Medien – diese dienen vor allem der Kommunikation zwischen Mitarbeiter:innen und Angehörigen und dem Austausch mit externen Partnern.
Die hohen Nutzungsraten zeigen: Social Software ist in der Pflege bereits angekommen. Videochatdienste ermöglichen es Bewohner:innen, trotz räumlicher Distanz regelmäßigen Kontakt zu ihren Familien zu halten – ein Aspekt, der besonders während der Corona-Pandemie an Bedeutung gewonnen hat.
Chancen für Teilhabe und Kognition
Die Studie bestätigt die positiven Effekte digitaler Anwendungen auf mehreren Ebenen:
Soziale Interaktion: Bewohner:innen können durch Videochats und soziale Medien aktiv am Leben ihrer Angehörigen teilnehmen, auch wenn persönliche Besuche nicht möglich sind.
Geistige Anregung: Digitale Anwendungen bieten kognitive Stimulation durch Spiele, Nachrichten und interaktive Inhalte.
Einbindung von Angehörigen: Familien können enger in den Pflegealltag eingebunden werden und sich besser über den Zustand ihrer Angehörigen informieren.
Zentrale Hürden beim Einsatz von Social Software
Neben den positiven Effekten identifiziert die Studie aber auch wichtige Barrieren:
- Unzureichende technische Infrastruktur: Fehlende WLAN-Abdeckung oder veraltete Geräte
- Fehlende Schulungen: Pflegepersonal fühlt sich oft nicht ausreichend vorbereitet
- Datenschutzbedenken: Unsicherheit im Umgang mit sensiblen Daten
- Mangelnde Akzeptanz: Einige Bewohner:innen stehen digitalen Technologien skeptisch gegenüber
- Nicht altersgerechte Technologien: Komplexe Bedienung führt zu Verwirrung und Frustration
Erfolgsfaktoren für die Digitalisierung
Für den erfolgreichen Einsatz von Social Software in der Pflege sind laut der Studie drei Faktoren entscheidend:
- Systematische Integration von Social Software in bestehende Betreuungskonzepte
- Gezielte Qualifizierung von Personal und Bewohner:innen
- Altersgerechte Anpassung von Technologien an die Bedürfnisse älterer Nutzer:innen
Was bedeutet das für deutsche Pflegeeinrichtungen?
Die Ergebnisse aus Österreich lassen sich auf deutsche Pflegeheime übertragen. Auch hierzulande stehen Einrichtungen vor ähnlichen Herausforderungen:
- Demografischer Wandel und Fachkräftemangel
- Steigende Anforderungen an Pflegequalität
- Zeitmangel für die eigentliche Pflege und Betreuung
- Wunsch nach mehr Teilhabe und Lebensqualität
Die Studie zeigt: Der Einsatz von Social Software ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern bereits gelebte Praxis in vielen Einrichtungen.
5 Schritte zur erfolgreichen Implementierung
Sie möchten Social Software in Ihrer Pflegeeinrichtung einführen? Diese Schritte helfen beim erfolgreichen Start:
1. Bedarfsanalyse durchführen Ermitteln Sie, welche digitalen Tools für Ihre Bewohner:innen und Ihr Team wirklich sinnvoll sind.
2. Infrastruktur ausbauen Investieren Sie in stabiles WLAN, Tablets und benutzerfreundliche Geräte mit großen Bildschirmen.
3. Personal schulen Bieten Sie regelmäßige Schulungen für Pflegekräfte an – nicht nur zur Technik, sondern auch zur pädagogischen Begleitung.
4. Bewohner:innen einbeziehen Führen Sie digitale Tools schrittweise ein und holen Sie Feedback ein. Nicht jede:r muss mitmachen.
5. Datenschutz sicherstellen Klären Sie rechtliche Fragen frühzeitig und schaffen Sie transparente Regelungen für alle Beteiligten.
Fazit
Um das Potenzial von Social Software für Lebensqualität und Beziehungsgestaltung nachhaltig zu nutzen, sollten Pflegeeinrichtungen gezielt in Infrastruktur und digitale Kompetenzen investieren. Die Studie zeigt: Die Technologie ist da, die Akzeptanz wächst – jetzt geht es um die professionelle Umsetzung.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Videochat-Dienste wie Zoom oder Skype sind am weitesten verbreitet. Wichtig ist, dass die Software einfach zu bedienen und datenschutzkonform ist.
Die Kosten variieren je nach Größe der Einrichtung. Neben Software-Lizenzen fallen Kosten für Hardware, WLAN-Ausbau und Schulungen an.
Digitale Angebote sollten immer freiwillig sein. Wichtig ist, niedrigschwellige Angebote zu schaffen und individuelle Unterstützung anzubieten.
Nutzen Sie DSGVO-konforme Dienste, holen Sie Einverständniserklärungen ein und schulen Sie Ihr Personal im Umgang mit sensiblen Daten.